Chancengerechte Bildung

Die soziale Selektivität des deutschen Bildungssystems ist ausgesprochen hoch. Das Handlungsfeld Chancengerechte Bildung untersucht, inwieweit im deutschen Hochschulsystem gleiche Bildungschancen bestehen – unabhängig von Herkunft und familiärem Hintergrund. 

Schüler mit Migrationshintergrund und Kinder aus nichtakademischem Elternhaus schaffen es immer noch viel zu selten an die Hochschule und sind im Studium weniger erfolgreich. Ziel des Handlungsfeldes Chancengerechte Bildung ist es, die Erfolgschancen dieser Schüler zu verbessern. Konkret bedeutet dies, dass sich der Anteil dieser Personengruppen in der Gesellschaft auch unter den Studierenden widerspiegeln soll. Der Hochschul-Bildungs-Report setzt sich bis zum Jahr 2020 zum Ziel, die Studierquote ausländischer Studienberechtigter mit deutscher Hochschulzugangsberechtigung (sogenannte Bildungsinländer) und studienberechtigter Nichtakademikerkinder mit 80 Prozent auf die Studierquote von deutschen Akademikerkindern anzuheben. Analog zur Situation an Gymnasien soll der Anteil von Studierenden mit Migrationshintergrund gesteigert werden.

  • Insgesamt verbessert sich die Chancengerechtigkeit des deutschen Hochschulsystems nur langsam; immerhin gab es im letzten Berichtsjahr Fortschritte.
  • Im Hochschulbereich findet die soziale Selektion insbesondere im Masterbereich statt.
  • Frauen sind bis zum Studienabschluss im Durchschnitt überproportional erfolgreich, danach sinkt jedoch ihr Anteil in weiteren Bildungs- bzw. Hierarchiestufen.
  • Für Flüchtlinge ist die richtige Verortung im Bildungssystem und eine vergleichbare Erfassung von Kompetenzen dringend notwendig.

Indikatorenentwicklung 2010 bis 2015

2015 stieg der Index im Handlungsfeld Chancengerechte Bildung im Vorjahresvergleich um 6 auf 34 Punkte. Trotz dieser zuletzt überdurchschnittlichen Verbesserung liegt der Index damit insgesamt unter den 50 Punkten, die für eine positive Halbzeitbilanz notwendig gewesen wären. Die Detailbetrachtung der Indikatoren zeigt, wo es die größten Verbesserungen und den  größten Nachholbedarf an deutschen Hochschulen gibt: Positiv fällt auf, dass immer mehr Bildungsinländer ein Studium beginnen, also ausländische Studierende, die ihre Hochschulzugangsberechtigung in Deutschland erworben haben. Deren Zahl stieg auf rund 16.400. Der Indikator erreicht damit 72 Punkte. Weit unter dem zu erreichenden Ziel liegen jedoch die Anzahl der Bildungsinländer, die ein Studium absolvieren (18 Punkte), sowie ihr Anteil an Studienanfängern und Absolventen (16 beziehungsweise 11 Punkte).

Ein Hauptgrund für die (wenn auch auf niedrigem Niveau) steigende Anzahl der Bildungsinländer ist die konstant zunehmende Bildungsbeteiligung von Frauen. Der Indikator des Frauenanteils unter den Bildungsinländern erreicht zur Halbzeitbilanz 75 Punkte. Auch der Anteil Studierender aus bildungsfernen Schichten, die mit der Betreuung durch Lehrende zufrieden sind, machte zuletzt einen Sprung und erreicht zur Halbzeitbilanz 70 Punkte. Dieser ist damit zwar auf dem bisherigen Höchstwert, jedoch schwankte er in den vorangegangenen Jahren, sodass noch kein stabiler Anstieg abzuleiten ist.

Insgesamt betrachtet verbessert sich der Index im Handlungsfeld Chancengerechte Bildung verglichen zum Vorjahr zwar um 15 Punkte, liegt aber mit 34 Punkten deutlich unter der Zielmarke von 50 Punkten. In Anbetracht der (mit wenigen Ausnahmen) zuletzt abnehmenden Dynamik scheint das Erreichen der Zielsetzung derzeit unwahrscheinlich.

 

Kommentar von Dieter Timmermann, Präsident des Deutschen Studentenwerks

Entwicklungen und Erfolge
Die Chancengerechtigkeit im deutschen Hochschulsystem verbessert sich sehr langsam und zudem selektiv. Der Anteil von Studierenden aus der Bildungsherkunftsschicht "niedrig" ist erfreulicherweise gestiegen, parallel sank allerdings der Anteil der Studierenden aus der Herkunftsschicht "mittel". Bemerkenswert ist das Wachstum der Bildungsinländer, die ein Studium beginnen und abschließen. Die Verbesserung der Studienbedingungen und Lehrqualität, die Förderprogramme des BMBF (insbesondere Qualitätspakt Lehre) und die darin enthaltene Verbesserung der Kooperationen zwischen Hochschulen und Schulen lassen erwarten, dass die Übergänge in die Hochschulen auch für die Schulabsolventinnen und -absolventen aus nichtakademischen Familien transparenter werden.

Begrüßenswert sind die Initiativen, die sich in den vergangenen Jahren dafür eingesetzt haben, die Durchlässigkeit des Bildungssystems in das Zielsystem Hochschule für bestimmte Zielgruppen zu verbessern. Initiativen wie ArbeiterKind.de, Studienpioniere und Studienkompass gelingt es immer besser, Kinder aus bildungsfernen Milieus in ein Hochschulstudium zu begleiten. Die zum Wintersemester 2016/17 erfolgte Erhöhung des BAföG entlastet im Hinblick auf die gestiegenen und steigenden Mieten sowie studentischen Lebenshaltungskosten. Es ist aber zurzeit offen, ob die erwartete Zahl an zusätzlich Geförderten tatsächlich realisiert wird. Positiv ist zu bewerten, dass für bestimmte Gruppen von Menschen mit Fluchthintergrund der Zugang zum BAföG hergestellt bzw. erleichtert wurde.

Herausforderungen
Bund und Länder sollten eine Hochschulpolitik fortführen, die den Hochschulen die derzeitige Zahl an Studienplätzen erhält, um zu vermeiden, dass der Chancenpool für die bisher unterrepräsentierten Gruppen unter den Studienanfängern sowie Studienanfängerinnen und Studierenden schrumpft, was zu verschärfter Konkurrenz und Entmutigungsreaktionen in diesen Gruppen führen könnte.

Die Bundesregierung sollte dabei ihr eigenes Ziel, das BAföG der Lebenswirklichkeit (besser: den Lebenswirklichkeiten) der Studierenden anzupassen, nachhaltiger verfolgen als bisher. Lebenshaltungskostenanalysen und die 21. Sozialerhebungsdaten zeigen, dass das BAföG weder die Lebenswirklichkeiten der Studierenden abbildet noch das lebenslange Lernen an den Hochschulen fördert. Die Förderung endet mit dem 35. Lebensjahr und gerade die Lebensbedingungen der Studierenden, die 30 Jahre und älter sind, haben besondere Belastungen, welche durch das BAföG nicht abgedeckt sind. Die Hochschulen selbst sind aber auch gefordert, die Studienbedingungen an die heterogenen Lebenswirklichkeiten der Studierenden zum Beispiel durch den Ausbau von flexiblen Teilzeitstudienmodellen und durch die intensive Nutzung digitaler Lehr- und Lernmöglichkeiten anzupassen, damit darüber die Studienerfolgsquoten, insbesondere auch der ausländischen Studierenden, signifikant gesteigert werden.

Beunruhigendes und wertvolles intellektuelles Potenzial verschenkendes Merkmal des deutschen Bildungssystems ist nach wie vor eine die Chancenungleichheit zementierende soziale Selektion, die bislang durch den sogenannten Bildungstrichter veranschaulicht wurde. Die Verlängerung der Trichterbetrachtung in das Hochschulsystem hinein zeigt, dass sich die sozialen Selektionswirkungen im Hochschulsystem selbst massiv fortsetzen, vor allem im Hinblick auf den Karriereweg von Frauen, aber auch von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus bildungsfernen Milieus bis hin zur Professur. Bei den Überlegungen, auf welche Weisen die Studien- und Karrierewege für Frauen in den MINT-Fächern weiter geöffnet und gefördert werden können, darf nicht übersehen werden, dass sich vor allem für Frauen immer mehr attraktive Karrierewege hin zu Führungspositionen in den Bereichen Sozialwesen, Gesundheits- und Erziehungswesen bieten. Dabei können und sollten die Career Service Centers der Hochschulen eine tragende Rolle spielen und ihre Beratungs- und Mentoringangebote nicht nur auf die MINT-Berufe fokussieren.

Vielfalt und Integration – wir bei IBM nennen dies Diversity & Inclusion – sichern uns ein breites Spektrum an Perspektiven und eine hohe Innovationskraft, um den Herausforderungen am Markt zu begegnen.
Foto: Fahry/IBM

Martina Koederitz

Vorsitzende der Geschäftsführung der IBM Deutschland GmbH und Themenbotschafterin Chancengerechte Bildung

 
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