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Foto: wavebreakmedia/Shutterstock

Hochschul-Bildungs-Report 2020

Der Hochschul-Bildungs-Report ist die zentrale Publikation der Bildungsinitiative „Zukunft machen“. Darin analysieren der Stifterverband und McKinsey jährlich auf sechs Handlungsfeldern die deutsche Hochschulbildung.

 

Jahresbericht 2016: Hochschulbildung für die Arbeitswelt 4.0

Rund 500.000 junge Menschen werden sich 2016 an deutschen Hochschulen einschreiben, um sich mit einem Studium auf ihre Berufstätigkeit vorzubereiten. Das Hochschulstudium ist mittlerweile die wichtigste Qualifikationsform für den Arbeitsmarkt: Mehr als die Hälfte eines Schuljahrgangs zieht es an die Hochschulen. Während bei einer dualen Ausbildung die Anforderungen der Arbeitswelt hautnah in den Unternehmen miterlebt werden, liegt der Schwerpunkt des Studiums seit jeher in der Theorievermittlung. Die Änderungen der Arbeitswelt kommen häufig verzögert und mittelbar in den Hochschulen und ihren Lehrplänen an. In einer Zeit, in der sich die Arbeitswelt durch Digitalisierung und Automatisierung rasant ändert, stellt die Kopplung von Studium und Arbeitswelt eine große Herausforderung dar.

Die Studienanfänger des Jahres 2016 werden im Jahr 2020 ihre erste Stelle antreten und bis etwa 2060 im Arbeitsmarkt verbleiben. Viele Hochschulen beklagen einen Investitions-, aber auch einen Innovationsstau in der Lehre. Sie stellen immer häufiger die Frage, wie sie an einer technischen Infrastruktur, die häufig nicht auf dem aktuellen Stand ist, die heutigen Studierenden auf die Arbeitswelt von morgen vorbereiten sollen.

Der Hochschul-Bildungs-Report 2020 hat zu diesem Thema Unternehmen befragt und Experteninterviews durchgeführt. Drei Leitfragen ziehen sich durch den Report: Wie wird sich die Arbeitswelt für Akademiker ändern? Welche Kompetenzen sollte ein Studium in Zukunft vermitteln? Wie sollte sich das Hochschulsystem perspektivisch weiterentwickeln, um diese Kompetenzen vermitteln zu können?

Unternehmensbefragung zur Zukunft der Arbeit

Unternehmen gehen davon aus, dass die Arbeitswelt der Zukunft stark von neuen Produkten und Dienstleistungen getrieben wird, die mithilfe neuer Produktionsverfahren und -technologien hergestellt werden. Für die neuen Produkte und Dienstleistungen benötigen die Unternehmen das entsprechende Wissen: 84 Prozent der Firmen geben an, dass Forschung in ihrem Unternehmen wichtiger werden wird. 58 Prozent stimmen (eher) zu, dass sie intensiver mit Hochschulen zusammenarbeiten werden. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung von mehr als 300 deutschen Firmen für den Hochschul-Bildungs-Report 2020.

Studierende können sich darauf einstellen, dass Unternehmen in Zukunft einen größeren Wert auf überfachliche Kompetenzen und einen geringeren Wert auf fachliches Grundlagenwissen legen werden. Praxiswissen, Fremdsprachen- und Digitalkenntnisse werden deutlich wichtiger. 

Die Arbeitswelt 4.0 für Akademiker

Die Technisierung der Arbeitswelt ist kein neues Phänomen. Neu ist aber, dass sie sich nicht mehr ganz überwiegend nur auf manuelle Tätigkeiten auswirkt, sondern dass sie sich auf den gesamten Bereich der analytisch-intellektuellen Arbeit erstreckt. Die wesentlichen Entwicklungen fasst der Hochschul-Bildungs-Report in acht Thesen zusammen.

Hochschulabsolventen können sich darauf einstellen, dass ein Teil der akademischen Routinetätigkeiten digitalisiert werden wird. Etwa ein Viertel der Tätigkeiten von Akademikern wird durch Computerleistung ersetzt. Ein großer Teil der akademischen Tätigkeiten wird zunehmend digital unterstützt; die Mensch-Maschine-Interaktion nimmt zu. Dies gilt nicht nur für industrienahe Berufe wie Ingenieure oder Naturwissenschaftler, sondern auch für Richter, Journalisten, Lehrer oder Personaler.

Zukunftsszenarien: Wie sich Berufsbilder verändern

Durch den Wegfall von Routinetätigkeiten und die zunehmende Digitalisierung der gesamten Arbeitswelt werden die Tätigkeiten komplexer und das Niveau steigt: Forschungsbasierte Tätigkeiten durchdringen die Arbeitswelt und akademische Qualifikationen werden immer häufiger benötigt; neue, digitalisierte Berufsbilder entstehen.

Durch neue Technologien verschmelzen berufliche und akademische Tätigkeitsfelder, beruflich Qualifizierte benötigen mehr akademische Qualifikationen, Akademiker mehr anwendungsorientiertes Wissen. Für beruflich Qualifizierte wie für akademisch Qualifizierte nimmt die Bedeutung von akademischer Weiterbildung während der Berufstätigkeit zu.

Die Arbeitnehmer bestimmen ihre Arbeitswelt und ihre Bildungspfade stärker als bisher selbst: Selbstständiges und kollaboratives Arbeiten gewinnt in und außerhalb von Unternehmen an Bedeutung. Die Generation junger Akademiker wird mit ihren veränderten Wertvorstellungen und mit ihrer digitalen Affinität die Arbeitswelt verändern.

Hochschulbildung 4.0

Die Arbeitswelt 4.0 verlangt keine radikale Abkehr von den bisherigen Bildungszielen, sondern eher eine Ergänzung und Weiterentwicklung der klassischen akademischen Bildungsziele. Die Fachkompetenzen bilden den Ausgangspunkt für ein umfassendes, berufsorientiertes und persönlichkeitsbildendes Studium. Für die Arbeitswelt 4.0 werden der Anwendungsbezug (aufgrund der zunehmenden Verzahnung akademischer und beruflicher Kompetenzen) sowie die Persönlichkeitsbildung (aufgrund der neuen, kollaborativen Formen des Arbeitens) wichtiger als bisher. Digitale Kompetenzen sind disziplinübergreifend eine neue Querschnittskompetenz, die jedoch in allen Fachbereichen ihre spezifischen Ausprägungen hat.

Der Lernort Hochschule bleibt für Studierende der Ort zur Vermittlung von Fachkulturen. Er bleibt der zentrale Knotenpunkt, der Zeit und Raum gibt, die Prägung zum Fach herzustellen und die Identifizierung mit methodischem Denken zu unterstützen. Ein Lernort allein kann jedoch die Vermittlung dieser vielfältigen Kompetenzen immer weniger leisten. Auch die Ausbildung in einem Stück wird zukünftig immer weniger die Antwort auf die neuen Herausforderungen sein. Vielmehr entsteht idealerweise durch ein räumliches und zeitliches Strecken der Inhalte, also durch lebenslanges Lernen und eine stärkere Verteilung der Kompetenzvermittlung auf verschiedene Lernorte, ein Lernarrangement, das mit der Arbeitswelt der Zukunft mitwächst: Studierende werden gut auf ihren Eintritt in diese vorbereitet und Arbeitnehmern wird es ermöglicht, ihre Kompetenzen laufend zu erweitern. Um Studium und Arbeitswelt besser zu verknüpfen, sehen sich Unternehmen zunehmend als Teil der akademischen Bildung: Die Hälfte der Unternehmen sagt, dass die Bedeutung des eigenen Unternehmens als Lernort in der Arbeitswelt 4.0 deutlich zunehmen wird.

Um für die Anforderungen der Arbeitswelt 4.0 das Studium studierenden- und arbeitsmarktorientiert weiterzuentwickeln, sollten Universitäten und Fachhochschulen vier Veränderungsdimensionen der Lehre und des Lernens in den Blick nehmen.

  • Individuelle Dimension: Wahlmöglichkeiten erhöhen und Kompetenzcoaching einführen
  • Räumliche/institutionelle Dimension: unterschiedliche Lernorte nutzen
  • Didaktische Dimension: aktives digitales und forschendes Lernen und Lehren verankern
  • Zeitliche Dimension: lebenslanges akademisches Lernen ermöglichen

Die Politik kann diesen Weg unterstützen. Der Report empfiehlt, die digitale Infrastruktur an Hochschulen auszubauen, neue Anreizsysteme in der Lehre zu schaffen und die bestehenden Regelungen auf ihre Eignung für die Hochschulbildung 4.0 zu überprüfen.

Die Bildungsinitiative „Zukunft machen“

Mit der Bildungsinitiative „Zukunft machen“ möchte der Stifterverband in den kommenden Jahren neue Impulse für die Hochschulbildung geben. Wie muss sich das deutsche Bildungssystem weiterentwickeln, wenn wir international weiterhin auf Augenhöhe mit den Besten agieren wollen? Dazu hat der Stifterverband zentrale Handlungsfelder identifiziert und quantitative Bildungsziele für den Hochschulbereich im Jahr 2020 formuliert. In seinem jährlich erscheinenden Hochschul-Bildungs-Report überprüft der Stifterverband in Kooperation mit McKinsey & Company, ob sich Deutschland diesen Zielen annähert.

Mehr zu „Zukunft machen“ auf der Website des Stifterverbandes

Der Hochschul-Bildungs-Report 2020 ist eine Initiative von